Was wäre, wenn das Streaming von Netflix, YouTube und Spotify durch eine grüne Verbesserung der Software weniger CO2-Emission mit sich brächte? Netflix allein hat im Jahr 2020 etwa 1,05 Millionen Tonnen CO₂e emittiert, was ungefähr dem entspricht, was 250.000 durchschnittliche Pkw in einem ganzen Jahr ausstoßen. Neu für die Bewertung des CO2-Fußabdrucks kommt der Einsatz von KI in der Softwareentwicklung (SWE) hinzu, durch den der Energieverbrauch und damit der CO2-Ausstoß ansteigt.

Anfang Dezember fand im Münchner Büro von QAware ein meetup statt, in dem über „Grüne Software-Architektur“ und den Energieverbrauch von KI vorgetragen wurde. Die meetup-Gruppe „Green Software Development“ gibt es ca. seit 3 Jahren. Es handelt sich um eine öffentliche Gruppe und sie ist Teil der Green Software Foundation Community. Die Community besteht aus rund 850 Expert:innen, die sich zu nachhaltiger Softwareentwicklung austauschen. Ich habe hier auch schon einmal über ein meetup der Gruppe berichtet: https://relativhammer.de/gruene-software-entwicklung/

Dieses Mal zeigten Nils-Oliver Linden und Alexander zur Bonsen von der TNG Technology Consulting im Detail, wie die Software-Architektur Einfluss auf eine „grüne“ SWE nehmen kann. Angefangen von der Infrastruktur (bare metal, runtime virtualizations, serverless) über die Systemarchitektur (Monolith vs. Microservices) bis hin zu Architektur und Design-Patterns wurden viele Stellschrauben genannt, durch die mehr oder weniger „grün“ ermöglicht werden. Hinweise zum Stakeholder Buy-in fehlten selbstverständlich auch nicht.

Anschließend stellte Dr. Sebastian Macke von der QAware sehr anschaulich und in der Tiefe der möglichen Berechnung dar, wiesich die Umweltkosten der KI berechnen lassen (vom Chat zum CO₂). Hier ging es vor allem um den Energiebedarf von Rechenzentren, die für das Entwickeln und Betreiben der großen KI-Systeme von Unternehmen wie X, Microsoft, Meta oder Google nötig sind. Unter der Hand haben diese Unternehmen ihr Geschäftsmodell erweitern müssen, indem sie zu Utilities wurden. Denn Energie wird hier im Gigawatt-Bereich rund um die Uhr benötigt. Energy is the real bottleneck. Es lohnt sich, mal nach Bildern solcher Großbaustellen von Rechenzentren zu googeln (z. B. des Stargate I-Rechenzentrums von OpenAI in Texas) um eine Vorstellung von der Größe und dem Ausmaß zu bekommen. Sehr viel Energie (und damit CO2-Ausstoß) wurde bereits mit dem Training der Modelle verbraucht, bevor es überhaupt zum ersten Chat kommt. Abstrahiert man hier, um Vergleichsmöglichkeiten zu schaffen, so kommt Macke zur Berechnung, dass man für die Menge an freigesetzten Treibhausgasen bei der Herstellung von 1 Kilogramm Rindfleisch ca. 60.000 kurze KI-Chats abhalten könnte. Sein vorsichtiger Ausblick auf den Energieverbrauch in Zukunft durch KI am weltweiten Energieverbrauch: 1-3%. Das Umweltbundesamt prognostiziert, dass der KI-verursachte Stromverbrauch bis 2028 auf rund 300 Terawattstunden (TWh) steigen könnte, was etwa 1% des globalen Stromverbrauchs entspräche.

Da KI-Rechenzentren (die oft in Hyperscale-Cloud-Zentren integriert sind) riesige Mengen an Strom benötigen, sind sie auf das öffentliche Stromnetz angewiesen, dessen Zusammensetzung noch weitgehend dem lokalen oder nationalen Strommix an ihren jeweiligen Standorten folgt. Und der ist nicht selten stark fossil oder durch Atomkraft bestimmt. Im Vergleich dazu hat China allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 212 Gigawatt Solarleistung errichtet. Stand Ende 2024 lag in Deutschland die solare Gesamtleistung bei 99 Gigawatt, allerdings benötigte es dafür 25 Jahre.

In den Gesprächen nach den Vorträgen hörte ich, dass das Thema „Grüne SWE“ seitens der Kunden zurzeit nicht stark nachgefragt wird. Eine grüne Chance besteht allerdings dann, wenn die Verbindung zur Kostenersparnis hergestellt werden kann. Nils-Oliver Linden und Alexander zur Bonsen gaben dazu in ihrem Architektur-Vortrag eine Menge Anregungen. Ebenso wurde zwischen den Vorträgen über den Schutz von IP bei der Nutzung von KI in der SWE diskutiert.

Grüne Themen allgemein, Klimaschutz, CO2-Einsparungen werden von den Gegnern brutal angegangen und medial verstärkt. Aktivisten wie „Friday for future“ gehen nicht mehr so häufig auf die Straße. Den Klimaklebern ist das Uhu ausgegangen. Ist das grüne Thema deshalb nicht mehr relevant bzw. wird es nicht vorangetrieben? Ich weiß es nicht, Zahlen sind schwer zu eruieren. Am Wochenende war zu einem ähnlichen Thema ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung: Hat das Thema Diversität und Inklusion in den deutschen Firmen keine Bedeutung mehr, weil es mittlerweile so in den USA von der Regierung Trump verteufelt wird? In Deutschland gibt es die „Charta der Vielfalt“. Sie wurde 2006 von vier Unternehmen ins Leben gerufen: Daimler, BP, Deutsche Bank, Telekom. Angela Merkel war Schirmherrin. Die Charta ist also eine Initiative von Arbeitgebern. Ziel ist, Vielfalt und Inklusion am Arbeitsplatz zu fördern. Aktuell unterzeichnet alle 15 Stunden eine neue Firma diese Charta. Das sind Geschichten, die unterhalb des medialen Radars laufen und auch erzählt werden sollten. Insofern: Vielleicht hat „grüne“ Softwareentwicklung mehr Unterstützung als wir annehmen.

Weiterführend:

Green Software Foundation Community: Die Sponsoren und Organisatoren haben eine Website eingerichtet: https://www.greenmanifesto.de/

Artikel „Haltung bewahren“ von Renate Meinhof und Jan Schmidbauer in der Süddeutschen Zeitung vom 5.12.2025

https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/diversitaet-trump-vielfalt-lgbtq-e180648/

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